Streik







Dogmen & Indoktrination

Was lernen wir aus der Vergangenheit?

Das Gespenst der Arbeitslosigkeit und die Verelendung ganzer Bevölkerungskreise waren in den Dreissiger Jahren in Deutschland und auch im übrigen Europa der ideale Nährboden und Anlass für den aufkommenden politischen Extremismus. Dies trifft in gleicher Weise für den Kommunismus, den Nationalsozialismus und alle andern Verheissungstheorien zu. Die berechtigte Angst vor der kommunistischen Ideologie mit ihrer gewaltsamen Gleichschaltung des einzelnen Bürgers hat viel Stimmvolk den Nationalsozialisten in die Arme getrieben. Aus purem Hass und berechtigter Abneigung gegenüber dem kommunistischen Gedankengut traten anfänglich auch durchaus vernünftig denkende Bürger in die Partei der Nazis, der NSDAP ein.

Je grösser und mächtiger diese Partei aber wurde, desto totalitärer konnte sie sich gebärden. Auf dem Zenith ihrer Machtentfaltung war ein Austritt aus der NSDAP mit persönlicher Gefahr für Leib und Leben und dem der ganzen Familie verbunden. Darum kannte die NSDAP nur eine Art der Parteiaustritte: Der Tod an der Front oder als Kriegsopfer im Bombenhagel.

Der gewalttätige Auftritt der Nazis trug reiche Früchte. Traten anfänglich nur überzeugte Nationalsozialisten der NSDAP bei, so trachtete ab den vierziger Jahren ein jeder Feigling, Unterschlupf in dieser übermächtigen Staatspartei zu finden. Die Devise lautete: Lieber mit den Mächtigen zusammenspannen, als selbst unter die Räder zu kommen. Unangenehme Wahrheiten und Gräueltaten wurden dafür geflissentlich übersehen. Das gleiche Bild sahen wir bis zum Fall des Eisernen Vorhangs auch im Ostblock. Heute läuft diese Art von Geschichte in Ländern wie China, Burma und Nordkorea nach dem genau gleichen Muster ab.

Die Menschheit ist zwischenzeitlich sicherlich nicht tapferer geworden. Wir sollten uns nicht gescheiter und besonnener hinstellen, als wir es sind. Im Nachhinein sind wir alle klüger. Aber in Zeiten der Angst und der allgemeinen Verunsicherung suchen allzu viele von uns Anlehnung bei sogenannten Führerfiguren. Bei charismatischen Verführern, die ein fertiges Konzept vorlegen. Angst und Verzweiflung sind leider, wie wir nur zu gut wissen, beinahe immer schlechte Ratgeber. Und Hitler war so ziemlich die mieseste Wahl seit Generationen. Krisenzeiten polarisieren. Selbst in der Schweiz spüren wir heute dieses Phänomen; die Parteien in der Mitte werden zerrieben.

Als Student der Wirtschaftswissenschaft an der Universität Zürich während dem Wirtschaftsboom der goldenen Sechziger Jahre, als Arbeitslosigkeit ein absolutes Fremdwort war, prophezeite unser deutscher Professor Kleinewefers in Europa grosse soziale Probleme. Er sprach von einer erneuten gesellschaftspolitischen Zerreisprobe, sollte die Arbeitslosigkeit je wieder auf die sehr gefährliche 5% Marke ansteigen. Diese Aussagen liegen nun bereits 35 Jahre zurück und ich habe normalerweise kein Elefantengedächtnis. Aber diese düstere Prophezeiung eines kapitalistisch denkenden Professors und seine Festlegung der obersten, von der Gesellschaft noch zu verkraftenden Arbeitslosenquote bei 5%, sowie sein Hinweis auf die ausserordentliche Gefährlichkeit der Arbeitslosigkeit und deren Zerstörungspotential auf die Gesellschaft, hat sich in meinem Bewusstsein eingeätzt.

Warum dieser kleine Exkurs zurück in die Studentenzeit? Die Realität hat heute die schlimmsten Befürchtungen unseres Professors bei weitem übertroffen. Die Arbeitslosenzahlen in der BRD sehen viel schlimmer aus. Schon im Jahre 1975 wurden in der BRD 1.074.217 oder 4.7% Menschen als Arbeitslose registriert. Eine Zahl bereits sehr nahe der 5% Marke. Bis 2004 stieg diese Ziffer auf 2.781.346 in den alten Bundesländern und auf 1.599.694 in den neuen Bundesländern oder auf die erschreckende Gesamtzahl von 4.381.040 Arbeitslosen in der gesamten BRD. Dies entspricht einer Arbeitslosenquote von 11.7%.

Ohne die neugeschaffene Abfederung durch die Institutionen der sozialen Marktwirtschaft und deren Vorsorgeeinrichtungen wäre es in Deutschland mit Sicherheit zu schweren sozialen Wirren und bürgerkriegsähnlichen Zuständen gekommen. Aber das Potential für Unmut besteht weiterhin in ganz Zentraleuropa. Die Reduzierung der Arbeitslosigkeit ist in Europa zum grössten gesellschaftspolitischen Problem geworden. Eine soziale Ungerechtigkeit, die nur gemeinsam angegangen werden kann.

Vielen Regierungen sind die Hände gebunden, da deren Staatsverschuldungen überhaupt keinen Spielraum mehr offenlassen. Ohne tatkräftige Mithilfe der einflussreichsten Repräsentanten der Wirtschaft ist diese Monsteraufgabe mit Sicherheit nicht zu lösen. Der stern vom 22.5.2005 berichtet über den politischen Unmut und die Arbeitslosigkeit in Deutschland: Mecklenburg-Vorpommern 21.6%; Sachsen-Anhalt 21,3%; Berlin 19,7%. Aber auch der Musterknabe Baden-Württemberg mit lediglich 7,1% hat die 5%-Hürde klar überschritten. Und nun eine Frage an den Leser: In welchen Bundesländern ist die linksextreme, kommunistische PDS an der Macht und drängen die Rechtsradikalen mit aller Gewalt in die Regionalparlamente? Sie kennen die Antwort!

Ein jeder muss wissen. Die Arbeitslosigkeit ist nicht ein statistisches Problem. Hinter der riesigen Zahl vor über 5'000'000 Arbeitslosen im Sommer 2005 in der BRD stecken Einzelschicksale. Sicherlich hat es Drückeberger, Versager, Drogensüchtige, Arbeitsscheue und Schmarotzer unter diesen fünf Millionen Arbeitslosen. Aber die ganz erdrückende Mehrheit, und damit meine ich ganz klar und deutlich, über 80% der betroffenen Personen würden vor Glück weinen, wenn sie wieder einen korrekten Job bekämen.

Hinter der Arbeitslosigkeit verbirgt sich nicht einfach nur Konsumverzicht und sozialer Abstieg. Wir könnten ruhig auf etliches verzichten und würden nicht unglücklicher. Wird der Einzelne aber auf das absolute Existenzminimum reduziert, muss er sich klammheimlich aus dem angestammten Umfeld verabschieden. Der Stolz verbietet es ihm, dauernd von den andern eingeladen zu werden, ohne eine entsprechende Gegenleistung offerieren zu können. Zum mangelnden Selbstwertgefühl kommt ein soziales Stigma hinzu. Auch Eltern ohne Sozialneid tun sich schwer, ihren Kindern erklären zu müssen, warum die eigene Familie sich keine Ferien leisten kann. In den Sommerferien ist der Spielplatz total verwaist, da die andern Schulkameraden mit ihren Eltern in den Ferien weilen. Die Eltern mögen ihr Stigma noch tragen, dass es ebenfalls auf die völlig hilflosen Kinder fällt, tut weh.

Armut und Ausgrenzung stellen ein gefährliches Potential für Gewalt dar. Verletzte Gefühle sind noch explosiver. Der Kommunismus wurde durch die inflexiblen Betonköpfe der kommunistischen Machthaber von innen her zerstört. Dem Kommunismus trauern wir keine Träne nach. Der Kapitalismus wird wahrscheinlich durch die eigenen Superkapitalisten zerstört werden. Wenn Begriffe wie Cash-flow oder Return on equity zur Religion erhoben werden, sind ganz entscheidende ethische Werte in Frage gestellt. Wird der Mensch in arroganter Art und Weise zum reinen Produktionsfaktor degradiert, ist der Konflikt vorprogrammiert.

Wirtschaftliche Effizienz und Meinungsfreiheit, aber auch Anstand, Respekt und wahrhaftige Solidarität machen den tatsächlichen Wert einer Gesellschaft aus. Sonst sehen wir bald nur noch Armenghettos und mit Stacheldraht und Wachposten versehene Luxusghettos wie in den Grossstädten der USA - von der West- bis zur Ostküste hin - leider nur allzu präsent. Brauchen wir das? Es gibt doch auch noch einen europäischen way of life. Herr Bush und Konsorten sind doch nicht das Gelbe vom Ei.

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